Eine Frage der Treue – Editors

Man kennt das ja aus Beziehungen. Der anfänglich tolle Prinz entpuppt sich schon bald als Frosch. Oder der heiße Feger wird rasch zur nörgeligen Alten, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Dann wieder gibt es Verbindungen, die über die Zeit allmählich gewinnen. Wenn klammheimlich aus Freundschaft echte, wahre Liebe wird. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, kann auch auf das Verhältnis des Musikfans zu Bands und Musikern angewendet werden. Ich habe die Editors nie schlecht gefunden, aber mit der Zeit haben sich die Mannen um Tom Smith zu echten Lieblingen gemausert. Ich würde sogar so weit gehen, dass das neue Album In Dream eine der Platten des Jahres 2015 ist, die ich noch viele Jahre gerne und oft hören werde. Solch einen wohlüberlegten Treueschwur gibt man in schnelllebigen Zeiten wie diesen eher selten, zumindest ich nicht.

Bei den Editors ging es seit ihrem fraglos gelobten Debüt The Back Room (2005) in der Kritikergunst deutlich nach unten. Und auch Fans der ersten Stunde verloren spätestens bei The Weight of Your Love (2013) die Geduld. Als jemand, der die Band besser denn je findet, kommt man sich geradezu bescheuert vor. Denn wo alle längst neuere, coolere Act mit Rosen bedenken, steht man mit diesen abgehalfterten Helden von früher fast alleine da. Der Rest stürzt sich auf jüngere Semester.  Weiterlesen

Es ist, was es ist: Synthie-Pop! – Metric

Eigentlich wollte ich die folgenden Zeilen unter das Motto „Quo vadis, Metric?“ stellen, mich ausgiebig wundern, warum eine Indie-Rock-Band mit tollen Nummern wie Help I’m Alive tatsächlich so sehr in Synthie-Pop abgleiten konnte. Die kanadische Formation rund um Sängerin Emily Haines setzt mit Pagans in Vegas konsequent das fort, was beim vorherigen Werk Synthetica (2012) vielleicht noch als musikalisches Intermezzo abgetan werden konnte. Die neue Platte hat zweifelsohne einige schmissige Synthie-Hymnen im Talon, zugleich finden sich darauf jedoch auch ein Track wie Other Side, der eher nach einem Abklatsch von Erasure tönt, auch weil Haines das Mikrofon weitergibt. Das ist in Anbetracht ihres unglaublichen Charismas eigentlich ein Frevel! Pagans in Vegas ist nicht ohne Makel, in den Augenblicken, wo der Funken überspringt, haben Metric aber noch immer die ganz großen, hitverdächtigen Refrains parat.

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Schlaglicht 25: Metric

Die kanadische Formation Metric rund um Frontfrau Emily Haines hat uns schon mit so einigen Alben verzückt. Spätestens seit dem großartigen Fantasies von 2009 sollte jeder Indie-Rock-Fan die Band auf dem Radar haben. Für September ist nun mit Pagans in Vegas ein neues Album angekündigt, das der erste Teil eines eines Doppelschlags werden soll. Die Platte Nummer 2 wird 2016 folgen. Die ersten Vorboten verorten Metric diesmal sehr im Genre Synthie-Pop. Mit The Shade wird auch eine speziell im Refrain mit viel Schmackes in die Ohren fahrende Single angeboten. Das ebenfalls schon veröffentlichte Cascades zeigt Anleihen an französische Electro-Pop, Too Bad, So Sad dagegen orientiert sich mehr an Post-Punk.  Weiterlesen

Schlaglicht 19: Farao

Der unter dem Künstlernamen Farao wirkenden norwegischen SingerSongwriterin Kari Jahnsen habe ich in den letzten Jahren schon die eine oder andere Zeile spendiert. Nun freilich scheint das, was lange währt, endlich gut. Es gibt ein Albumdebüt zu vermelden – und dies sogar noch mit konkretem Veröffentlichungsdatum! Im September soll Till It’s All Forgotten das Licht der Welt erblicken. Zwei Tracks der anstehenden Platte zeigen Faraos Qualitäten deutlich auf. Sie vermag die makellose Elfe zu geben, die in einer Mischung aus Folk-Pop und Synthie-Pop sehnend, leidend, fieberhaft und melancholisch lustwandelt. Ihre Songs widerstehen gängigen Mustern, sind Experiment, sind Rätsel, sind Sirenenklang. Bei Bodies etwa dominiert eine verpeilter Rhythmus, der dem Song verquer, verlangend und verschroben tönen lässt. Hier wird Kammermusik – man höre nur die Bläser! – mit einem Synthie-Gewitter überzogen.  Weiterlesen

Schatzkästchen 1: lohaus – overwhelm

Viele Songs verlieren sich im Kuddelmuddel der Posts, die auf einem Blog im Laufe eines Jahres so zusammenkommen. Das soll 2015 jedoch ganz anders werden. Tolle Tracks stecken wir fortan ins Schatzkästchen!

In den Flausch gemeißelter Dream-Synthie-Pop, verziert mit der andächtigen Ästhetik von Downtempo, dergestalt bestrickt die belgische Gruppe lohaus.  Weiterlesen

Endlich Wunderwuzzis? – TV on the Radio

Stell dir, du wärst ein guter Zauberer mit einigen spannenden Tricks und Kniffen. Stell dir weiter vor, dass das Publikum jedoch dermaßen Bauklötze staunt, so als ob du tatsächlich Naturgesetze außer Kraft setzen könntest. Du würdest dir zunächst verhohnepiepelt vorkommen, dann dein Glück kaum fassen wollen und in der Folge sehr entspannt Abend für Abend vor den Vorhang treten. Denn eigentlich hast du nichts mehr zu verlieren, du hast nur eine kleine, feine Illusion gestrickt. Warum bei den Zusehern die Münder gleich Scheunentoren offenstanden, das kannst du dir noch immer nicht erklären. Ungefähr so muss es auch der Indie-Formation TV on the Radio ergangen sein. Der ganze Kritikerkult um die Band beruht ein Stück weit auf einem Missverständnis, dass hier Wunderwuzzis am Werk sind. Dabei waren TV on the Radio seit Bestehen eine bisweilen sehr ordentliche Band, die ganz und gar hochgejazzt wurde. Das wiederum hätte leicht zu übersteigerter Ambition führen können. Die New Yorker dagegen haben sich für den entspannten Zugang entschieden und mit Seeds ein sehr launiges, richtiggehend fröhliches Album vorgelegt, welches in dieser Machart eigentlich nicht dazu taugt, die Musikwelt in den Grundfesten zu erschüttern. Wenn es das dennoch tut, sei es ihm freilich gegönnt.

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Die neuen Achtziger – The Dø

Ein frankophones Achtziger-Synthie-Dancefloor-Pop-Kuddelmuddel gefällig? Dann sollte man sich schleunigst das Album Shake Shook Shaken des französisch-finnischen Duos The Dø besorgen. Die von ABBA über futuristischen Electro-Soundtrack vergangener Tage bis hin zu gegenwärtigen Protagonisten wie den Chromatics reichenden Einflüsse sind gut gewählt. Die angeschwülte, oft sogar fiebrige Note des Werks beschert ein zum Mitsteppen anregendes Album. Es ist eine angenehm rückwärtsgewandte Platte, die sich durch die Musikgeschichte zitiert und auch darum zum Besten zählt, was uns 2014 an Klängen beschert hat. Vor allem entzückt es als Lebenszeichen aus französischen Breiten. Dabei müssen The Dø gar keinen lasziven Akzent aus der Mottenkiste kramen, um Shake Shook Shaken mit Charme zu verbrämen. Eigentlich scheint der glorreiche French Pop vergangener Dekaden längst vergessen, in der internationalen Wahrnehmung haben französische Acts in den letzten 20 Jahren massiv an Bedeutung verloren. Diese Platte aber trotzt dem Trend!

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Altersstarrsinn lohnt! – Erasure

Erasure sind sehr lebendige Relikte. Ihr überwiegend für den Tanzboden ersonnener Synthie-Pop hat sich in der mittlerweile fast 30 Jahre währenden Karriere als ausgesprochen konsistent erwiesen. Sie sind meist bei dem geblieben, was sie ohrenscheinlich am besten können. Auch als der Zahn der Zeit die großen Chartserfolge weggenagt hat, haben die Herren Andy Bell und Vince Clarke nicht an der eigenen Attitüde gezweifelt. Kontinuität – verbunden mit einer gewissen geistigen Frische – lässt Erasure vergleichsweise gut altern. Bells Organ tönt noch immer glockenklar wie am ersten Tag und auch Clarke sind die zündenden Ideen nicht ausgegangen. Dem mittlerweile 16. Studioalbum The Violet Flame gelingt es somit einmal mehr, leidenschaftlich übers Tanzparkett zu fegen. Viele der Acts von vor 25 Jahren haben das Pferd lange schon totgeritten, dieses Duo hingegen schafft es noch immer, ein Ja zum Leben, weltumspannende Verbundenheit sowie Liebesleid und Liebesfreud zu zelebrieren.

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Der große Sprung nach vorn – Hundreds

Seit Tagen schon möchte ich darauf hinweisen, dass das Hamburger Duo Hundreds mit ihrem neuen Album Aftermath durch deutsche Gefilde tingelt. Die Geschwister Milner haben 2010 mit ihrem selbstbetitelten Debüt für ein bisschen Indie-Furore gesorgt. Jener entrückte, mit einer ordentlichen Prise Electro gewürzte Pop fand Anklang. Wer dunkler Schönheit zugewandt war, kam damals um das Erstlingswerk nicht herum. Vier Jahre später folgt mit Aftermath nun endlich der Ton und Klang gewordene Beweis, dass Hundreds keineswegs Eintagsfliegen waren. Zwischen balladeskem Piano und elektronischen Becircungen entfaltet sich ein Songwriting, welches zum großen Sprung nach vorn nicht bloß ansetzt, ihn vielmehr mutig vollzieht. So geschieht eine Platte, die sich einerseits im Detail verliert, in zärtlicher Tüftelei ergeht, dabei zugleich mit bestimmtem Strich Lieder vorwärtsspinnt. Solch Entschlossenheit gibt den Songs Seele, lässt sie opulent, charakterfest wirken. Eva Milners Gesang verströmt unantastbares Charisma. Ausdruckskraft trifft bei ihr auf Integrität, dieser Stimme scheint jedwede billige Gefühligkeit fremd. Philipp Milner fällt die angesichts jener geschwisterlichen Präsenz doch recht dankbare Aufgabe zu, mit all den Instrumenten (Piano, Synthies) die Ästhetik weiter auszugestalten, Atmosphären zu verdichten.

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Ätherisch-mausgraue Trance voll Unglück – Lyla Foy

Es gibt so Tage, an denen sich eine junge Frau alle Illusionen abschminkt, an denen die Widerwärtigkeiten des Alltags im Minutentakt auf sie niederprasseln. Wenn in aller Frühe schon die Kaffeemaschine den Geist aufgibt, sie auf dem Weg zur Arbeit wegen irgendeines dahergelaufenen Selbstmörders ewig in einem muffigen U-Bahn-Waggon feststeckt, in der Arbeit vom schmierigen Chef mit Anzüglichkeiten überhäuft und dabei nur so durchs Büro gescheucht wird, weil die Kollegen allesamt krankfeiern, sie am Ende eines üblen Tages schließlich in die leere Wohnung kommt und den geliebten, schon drei Tage abgängigen Kater sehr vermisst. Es gibt so Tage, in denen Frau dem Sein mit Siebenmeilenstiefeln entfliehen möchte. Und wenn Frau stimmliches Talent besitzt, klingt das im Idealfall dann so ätherisch-mausgrau, geschunden-zärtlich, entrückt-leidend wie bei der Londoner Singer-Songwriterin Lyla Foy. Sie träumt sich auf ihrem Debüt Mirrors The Sky in eine sanfte Trance voll Unglück.

Lyla Foy Artist Photo Photo Credit: Veanne Tsui

Photo Credit: Veanne Tsui

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