Die Ü-40-Bibel – Tocotronic

Es kommt die Zeit im Leben, da man mehr in der Erinnerung schwelgt, als erwartungsvoll nach vorn zu blicken. Nun hat diese Unausweichlichkeit auch Tocotronic ereilt. Ein bitterer Beigeschmack bleibt vielleicht zurück, wenn die Helden der eigenen Jugend nun quasi als Zwischenresümee Rückschau halten, während man selbst eventuell noch voller Erwartung all der Dinge harrt, die noch kommen mögen, ja müssen. Um bei der Beschäftigung mit dem neuen Album Die Unendlichkeit auf einen grünen Zweig zu kommen, sollte man sich nochmals kurz K.O.O.K. aus dem Jahre 1999 ins Gedächtnis rufen. Tocotronic gelang damit die große Deutung und Ausgestaltung von Jugend, nicht weniger als das Porträt einer Generation. Es erzählte von Unangepasstheit und Erkundung der eigenen Identität inmitten der piefigen Szenerie deutscher Vorstädte. Bald 20 Jahre später lässt sich nun anhand von Die Unendlichkeit überprüfen, inwieweit Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank den Verlockungen der Spießbürgerlichkeit erlegen sind. Wie viel K.O.O.K. steckt noch in Tocotronic? Oder sind sie heute nur gut situierte Pseudo-Revoluzzer, die eine Vergangenheit verklären, weil sie mit dem Heute wenig anzufangen wissen? Die neue Platte gibt eine souveräne Antwort!

Photo Credit: Michael Petersohn/UniversalMusic

 

 

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Unsere 30 Lieblingssongs des Jahres

Mir persönlich sind Bestenlisten mittlerweile hochgradig suspekt, denn was steckt hinter Bestenlisten denn eigentlich? Wenn zu viele darüber abstimmen, was das Beste ist, haben wir es im Grunde mit einem Popularitätscontest zu tun. Wenn eine einzelne Person das Beste des Jahres definiert, steckt dahinter doch nur der Ausdruck eigenen Geschmacks. Nun ist Subjektivität überhaupt kein Verbrechen, wenn man sie klar kennzeichnet. Ich will daher von den Lieblingsliedern des Jahres sprechen. Und ehrlich gesagt tue ich mir auch mit Reihungen schwer. Was qualifiziert einen Song auf Platz 8 und nicht auf Nummer 7 gesetzt zu werden? Zugegeben, das Erstellen von Listen ist ein netter Zeitvertreib, sofern man Reihungen nicht tierisch ernst nimmt. Hier nun also jene 30 Songs, die uns 2017 auf die eine oder andere Weise ganz besonders erfreut haben. Um eine gewisse Vielfalt abzubilden, habe ich mich mit einer Ausnahme auf einen Track pro Musiker(in) oder Band beschränkt. Es wäre sonst eine Liste, bei der Lana Del Rey zu sehr dominieren würde…

1. Lana Del Rey – God Bless America – And All The Beautiful Women In It (Review) [USA]

2. Principe Valiente – Wildest Flowers (Review) [Schweden]

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Schatzkästchen 96: Tocotronic – Hey Du

Gestern ist die neue Single von Tocotronic erschienen. Das bedeutet, dass Menschen mit gehobenem Musikgeschmack den Track Hey Du selbstverständlich längst für sich entdeckt haben. Falls man die gestrige Veröffentlichung doch tatsächlich verpennt hat, sollte eine etwaige Ausrede mindestens das Wort Koma oder besser noch eine Entführung durch Außerirdische beinhalten. Denn Tocotronic sind zurück! Gerade einmal anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres roten Albums dürfen bereits wieder neue Klänge bestaunt werden. Und Hey Du hat es wirklich in sich. Schon nach dem ersten Hördurchlauf reiht es sich nahtlos in die vorderste Reihe der allerbesten Songs der Band. Über zwei Aspekte des Tracks muss ich kurz ein paar Wörter verlieren. Da wäre zunächst der frische Sound zu nennen. Entgegen der landläufigen Meinung ist Rock alles andere als ein Jungbrunnen. Bands, die in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern erfolgreich sind, tönen einige Jahre später oft furchtbar dröge und schlaff. Aller Elan ist Biederkeit gewichen, jedwede Aufmüpfigkeit wirkt aufgesetzt. Menschen mittleren Alter sind zu oft viel zu uninspiriert.

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Unsere liebsten Songs 2015 (1-25)

Nach dem ersten Teil unserer Lieblingslieder mit den Plätzen 26-50 folgt nun der zweite Teil unserer liebsten Songs des Jahres 2015. Samt Spotify-Playliste, die immer 47 der 50 Titel beinhaltet. Doch genug der Worte, stürzen wir uns ins musikalische Getümmel!

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1.) Radio Elvis – Goliath

Goliath ist nicht weniger als phantastisch, weil es markanten, durchaus an französischen Chansonniers orientierten Gesang mit melodischem und zugleich erstaunlich robustem Indie-Rock verbindet. Die Band ist für mich die Entdeckung des Musikjahres. Und Goliath ist das Lied, dass ich auf immer mit 2015 verbinden werde! (Die EP Juste avant la ruée ist am 09.03.2015 auf PIAS erschienen.)

Wanda Bussi Albumcover ©Vertigo Berlin

2.) Wanda – Bussi Baby

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Unsere liebsten Songs 2015 (26-50)

Heute will ich ohne große Ansprache den ersten Teil unserer 50 Lieblingslieder vorstellen. Natürlich sind wir keine Listenfetischisten, die aus der Reihenfolge eine Wissenschaft machen wollen. Die Nummerierung dient vor allem der Übersichtlichkeit! All die hier aufgeführten Songs wurden von uns 2015 gerne und viel gehört. Es würde mich sehr freuen, wenn zumindest ein paar dieser Tracks auch beim werten Leser Wirkung zeigen.

keepthevillagealive

26.) Stereophonics – C’est la Vie

Die Pub-Rock-Hyme des Jahres! Das Lokal, in dem diese Nummer ohne jedwede Resonanz durch die Boxen dröhnt, muss erst noch eröffnet werden! (Das Album Keep The Village Alive ist am 11.09.2015 auf Stylus Records erschienen.)

aforestofarms

27.) Great Lake Swimmers – The Great Bear

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Unsere liebsten Alben 2015

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2015 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2015 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1.) Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Ba Power

Bassekou-Kouyate-Ba-Power-Cover

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Geburt des Gefühlvollen, Renaissance des Geistreichen – Tocotronic

Tocotronic 3 ©Michael Petersohn Vertigo Berlin

Photo Credit: Michael Petersohn/Vertigo Berlin

Hippies und Punks haben in den Sechzigern und Siebzigern als Jugendbewegungen  Lebenswirklichkeiten nachhaltig verändert. Und zumindest in Deutschland wären mit Tocotronic in der zweiten Hälfte der Neunziger Protagonisten für eine neuerliche geistige Wende bereitgestanden. Sie hat nicht stattgefunden, das Potential der Hamburger Schule hat nicht in die Masse ausgestrahlt. Und so stehen wir gut 15 Jahre später bedröppelt da. Und verwechseln den Wunsch nach Differenzierung mit windelweichem Herumgedruckse. bringen Überzeugungen mit Schwarzweißmalerei durcheinander. Revolutionen hie und da haben eine reinigende Qualität, sie werfen über Bord, sie holen ins Boot. Und weil jene Jugendrevolte in den Neunzigern fehlt, haben wir heute diese zeitgeistige Soße, die an Biederheit und Anpassung kaum zu überbieten ist. Die Jugend von heute wirkt seltsam eigenschaftslos. Und die Jugendlichen der späten Neunziger sind 2015 bestenfalls Bionade-Spießer. Wen wundert es da also, dass auch Tocotronic an all den Entwicklungen zu knabbern hatten, zwischenzeitlich die Kapitulation ausriefen und für einige Jahre im Nirvana des Gaga-Dada verschwanden. Nun jedoch melden sich Tocotronic mit ihrem sogenannten roten Album eindrucksvoll zurück. Es wird als Geburt des Gefühlvollen und als Renaissance des Geistreichen in ihre Diskografie eingehen. Das rote Album steht für intelligente, nachdenkliche, ja vertrackte Poesie, die sich juvenile Wünsche, Träume, Ängste bewahrt hat. Unverzagt, nachgerade gedankenvoll und souverän, stehen die Herren Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail erhobenen Hauptes da, gefallene Revolutionäre, die auf einmal nahbar werden.

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Schatzkästchen 9: Tocotronic – Prolog

Tocotronic 2 ©Michael Petersohn Vertigo Berlin

Photo Credit: Michael Petersohn / Vertigo Berlin

Tocotronic sind Rattenfänger, die mit poetischen Chiffren zartbesaitete, um Orientierung ringende Intellektuelle um den Finger wickeln. Tocotronic sind die ewig Unverstandenen, die stets gegen die Gesellschaft ankomponieren, sogar in den Momenten, in welchen sie die Kapitulation ausrufen. Die Band verkörpert eine rare künstlerische Integrität, die die deutsche Musikszene ein ordentliches Stück exzellenter macht. Natürlich haben auch Tocotronic ihre Krisen zu bewältigen gehabt, Schall und Wahn (2010) war denn auch eher Gaga-Dadaismus denn Reflexion der Postmoderne.  Dieser Tage nun offerieren die Herren von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail mit dem Lied Prolog eine erste Kostprobe aus ihrem neuesten Werk, das vorläufig als „Rotes Album“ firmiert und für den 01.05.2015 angekündigt ist. Ausgehend von diesem einen Titel Prolog möchte ich Tocotronic gerne wieder als von allen guten Geistern beseelt bezeichnen. In diesem Song funkelt er endlich, endlich wieder, der Hang zum zugespitzten Slogan, in der je nachdem prophetische Wahrheit oder philosophische Sehnsucht kulminieren.

(Alternativ-Link: Vimeo)

Liebe wird das Ereignis sein“ verkünden sie dieses Mal, unterstreichen damit, dass sie nicht dem Zynismus oder der Übellaunigkeit der Midlife-Crisis verfallen sind. Liebe wird das Ereignis sein – und am Ende dessen stehen, was man wohl Verlorenheit nennen darf. „Eines Morgens bist du in der Fremde aufgewacht, deine Hände zittern noch, du hörst in dich hinein, doch das wird erst der Anfang sein.“ lauten die geradezu hollywoodreifen ersten Zeilen von Prolog. Sie bilden den Sog, der die Hörerschaft mitreißt. Es folgen Botschaften aus dem Ungewissen, adressiert an die Spießigkeit in der „Wüste der Langeweile„.  Weiterlesen

Mit Musik gegen PEGIDA

Ich habe etwas gegen Kleingeistigkeit. Und gerade die montäglichen PEGIDA-Märsche machen deutlich, wie unter dem Deckmäntelchen der Empörung über Missstände die eigene Borniertheit regelrecht zelebriert wird. Mein Problem mit PEGIDA ist von grundsätzlicher Natur. Sie demaskiert sich als Bewegung, die außer schriller Hysterie (Lügenpresse!) und dem eigenen Anspruch auf einen Platz in den Geschichtsbüchern (Wir sind das Volk!) nichts anzubieten hat. Vor allem keine Argumente. PEGIDA steht für tumbe Unzufriedenheit, die sich brachial und pauschal gegen gewisse Gruppen der Gesellschaft wendet. Die Kaste der Politiker, die Medienclique, das linke Gutmenschentum und natürlich der Islam wurden als Feinde ausgemacht. In der Rhetorik folgt man altbekannten Mustern, ein Einzelfall wird zum Beispiel für die Verlottertheit des Systems umgedeutet. Aufgrund einzelner journalistischer Fehlleistungen, man denke an diese leidige Geschichte mit dem Undercover-Reporter von RTL, wird allen Massenmedien jedwede Objektivität abgesprochen. Nach dieser Logik rücken auch die vereinzelten Fälle sich bereichernder Politiker gleich alle Volksvertreter in ein schiefes Licht. Und eine kleine Gruppe von Islamisten reicht für einen Generalverdacht aus, nämlich dass der Islam das deutsche Wesen unterminieren will.

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Die 10 Alben, die mich am meisten bewegt haben

Der sehr geschätzte Kollege Nico hat mich auf seinem Blog und via Facebook nominiert, jene zehn Alben zu nennen, die mich im Laufe meines Lebens am meisten bewegt haben. Gern komme ich dieser Aufforderung nach und benenne diese. Ich tue mir dabei gar nicht einmal besonders schwer, denn obwohl sich diese 10 Platten vielleicht nicht gänzlich mit meinen ewigen Lieblingsalben decken, so hat es doch immer wieder Platten gegeben, welche mir zu einem gewissen Zeitpunkt richtig ans Herz gewachsen sind und für die ich mich auch heute noch keinesfalls schämen muss. Ich will kurz und chronologisch erläutern, warum ich genau diese Werke gewählt habe.

Bruce SpringsteenNebraska (1982)

nebraska_cover

Zusammen mit Japanese Whispers von The Cure war Springsteens Nebraska Ende der Achtziger meine allererste Vinyl-Platte. Dieses reduzierte, folkige Singer-Songwriter-Album hat einerseits meine Liebe zu Underdogs für immer einzementiert und mich weiters auch dahingehend geprägt, dass ich Storytelling so liebe.

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